„Ein Amt op Levvenszick“ – Oliver Kießig wird erster evangelischer Regimentspastor der Roten Funken
Oliver Kießig ist evangelischer Pfarrer in Köln-Zollstock und vielen in der Stadt durch seine engagierte Gemeindearbeit bekannt. Nun übernimmt er eine besondere Aufgabe: Als erster evangelischer Regimentspastor der traditionsreichen Roten Funken bringt er geistliches Engagement und karnevalistische Leidenschaft zusammen. Mit dieser Ernennung setzt das älteste Traditionskorps Kölns ein deutliches Zeichen gelebter Ökumene.
Was bedeutet es für Sie persönlich und emotional, der 1. Regiments-Pastor der Roten Funken zu sein?
Oliver Kießig: Für mich bedeutet diese Berufung unglaublich viel – persönlich, emotional und auch historisch betrachtet. Regimentspastoren haben bei den Roten Funken eine lange, tief verwurzelte Tradition, und über viele Jahrzehnte waren diese Rollen ausschließlich von katholischen Geistlichen besetzt. Dass ich nun der erste evangelische Regimentspastor der Funken bin, erfüllt mich mit großer Freude und auch mit einem gewissen Stolz. Die Funken leben die Ökumene schon lange, aber dass diese Haltung nun auch ganz offiziell sichtbar wird, empfinde ich als starkes Zeichen – für die Gesellschaft, für den Karneval und auch für unsere Kirchen. Ich war schon, bevor ich diese Aufgabe übernommen habe, aktiver Roter Funk und habe mich dort immer sehr zu Hause gefühlt. Umso dankbarer bin ich für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde. Es fühlt sich ein wenig an, als würde sich hier meine Leidenschaft für Köln, für den Karneval und für meinen Glauben auf wunderbare Weise miteinander verbinden.
Gibt es so etwas schon bei anderen Korps, oder sind die Roten Funken die Ersten?
Oliver Kießig: Evangelische Regimentspastoren sind im Kölner Karneval bisher eher die Ausnahme. Soweit ich weiß, gibt es insgesamt nur drei bis vier evangelische Kollegen, die in karnevalistischen Gesellschaften eine pastorale Rolle innehaben. Unter den großen, alteingesessenen Kölner Traditionskorps ist der Treue Husar das einzige weitere, das ebenfalls einen evangelischen Pastor hat – meinen Kollegen Markus Herzberg aus der Antoniterkirche. Auch einige andere Vereine arbeiten mit evangelischen Geistlichen zusammen, aber im Vergleich zu den katholischen Kollegen sind wir evangelischen Pastoren klar in der Minderheit. Umso schöner ist es, dass die Roten Funken an dieser Stelle bewusst ein Zeichen für gelebte Ökumene setzen.
Wie kam es überhaupt zu der Idee?
Oliver Kießig: Entstanden ist das Ganze tatsächlich eher organisch. Ich bin nicht als Pfarrer bei den Roten Funken eingetreten, sondern aus ganz persönlicher Begeisterung für den Kölner Karneval und unsere Vaterstadt Köln. Karneval begleitet mich schon lange, und ich habe früh gespürt, wie eng Kirche und Fastelovend miteinander verbunden sind. Die Roten Funken hatten schon lange ein offenes, ökumenisches Verständnis. Die „Mess op Kölsch“ ist dafür das beste Beispiel. Sie wird seit Jahren ökumenisch gefeiert, und viele Funken schätzen die spirituelle Dimension des Karnevals sehr. Als dann klar wurde, dass ich sowohl evangelischer Pfarrer als auch aktiver Funk bin, lag der Gedanke nahe, diese Verbindung auch nach außen deutlicher sichtbar zu machen. Unser Präsident war sofort überzeugt, dass das ein starkes Zeichen ist. Und so entstand schließlich unser kleines pastorales Dreigestirn: zwei katholische und ein evangelischer Regimentspastor, die gemeinsam unterwegs sind und ihre unterschiedlichen Traditionen einbringen.
Was macht ein Regimentspastor genau?
Oliver Kießig: Die Aufgaben eines Regimentspastors sind vielfältig und gehen weit über die eigentliche Session hinaus. Ein zentraler Bestandteil ist natürlich die Gestaltung verschiedener Gottesdienste und Andachten. Traditionell treffen sich die Funken am 1. November auf dem Melaten-Friedhof, um ihrer verstorbenen Mitglieder zu gedenken – eine sehr berührende, ruhige und würdige Feier, die ich in Zukunft gemeinsam mit meinen Kollegen gestalten werde. Ende November folgt dann die „Mess op Kölsch“, ein Gottesdienst. Hier verbinden wir kölsche Sprache, Humor, Spiritualität und Tradition miteinander – ein einzigartiger Moment für alle Beteiligten. Darüber hinaus sind wir als Pastoren im Korps Ansprechpersonen für alle Fragen des Lebens. Das reicht von seelsorglichen Gesprächen über persönliche Krisen bis hin zur Begleitung bei besonderen Lebenssituationen wie Taufen, Hochzeiten oder auch Bestattungen. Unsere Aufgabe ist es, da zu sein – im Frohsinn, aber genauso im Leid.
Was unterscheidet diese Aufgabe von Ihrem normalen Berufsalltag als Pfarrer?
Oliver Kießig: Die Tätigkeit als Regimentspastor ist ein rein ehrenamtliches Engagement. Mein Hauptdienst bleibt weiterhin meine Arbeit als Gemeindepfarrer in Zollstock, und mein Alltag dort bleibt natürlich durch die Funken nicht grundsätzlich verändert. Was sich aber verändert hat, sind die Begegnungen. Durch meine Zugehörigkeit zu den Funken entstehen viele neue Kontakte zwischen Gemeinde und Korps. Die Funken besuchen uns mittlerweile regelmäßig bei Veranstaltungen. Das empfinde ich als große Bereicherung. Mein Gemeindeleben wird durch die Funken bunter, und mein Funkenleben wird durch die Gemeinde wärmer und familiärer.
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Oliver Kießig: Besonders gespannt bin ich natürlich auf meine erste „Mess op Kölsch“ als Regimentspastor. Als „Imi“ spreche ich Kölsch nicht von Kindesbeinen an, und deshalb ist es für mich ein besonderer Moment, diesen Gottesdienst in einer Sprache zu gestalten, die für Köln so viel Herz und Identität bedeutet. Ganz allgemein freue ich mich auf das Miteinander im pastoralen Team, auf den Austausch mit den beiden katholischen Kollegen und auf die vielen Begegnungen mit den Funken. Vieles wird neu für mich sein, und ich glaube, dass genau darin der Zauber dieser Aufgabe liegt.
Was sind die Herausforderungen dieses Engagements?
Oliver Kießig: Die größte Herausforderung ist tatsächlich die kölsche Sprache, besonders dann, wenn es um Predigten oder liturgische Formulierungen geht. Kölsch ist herzlich, aber auch anspruchsvoll, und ich möchte den Funken gerecht werden. Und ich möchte zeigen, dass der evangelische Glaube und der Karneval wunderbar zueinanderpassen. Für manche ist das immer noch ungewohnt. Hier sehe ich meine Aufgabe darin, Brücken zu bauen und die Vielfalt unseres Glaubens sichtbar zu machen.
Viele fragen sich vielleicht: Kirche, der Glauben und der Karneval – wie passt das zusammen? Wie empfinden Sie das?
Oliver Kießig: Kirche und Karneval sind viel stärker miteinander verbunden, als viele heute wissen. Ohne Ostern, ohne Fastenzeit gäbe es keinen Karneval. Deshalb ist die Dauer jeder Session bis heute vom Ostertermin abhängig. Der Ursprung des Karnevals liegt tief im kirchlichen Jahreskreis. Aber auch inhaltlich passen Kirche und Karneval gut zusammen: Beide stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Beide wollen Freude schenken, Gemeinschaft stärken und Hoffnung verbreiten. Und beide gehören untrennbar zum Leben der Stadt Köln. Für die Roten Funken gilt das ohnehin: Gottesdienste, Segnungen und spirituelle Momente gehören selbstverständlich zum Funkenjahr. Segnungen neuer Fahnen oder des Wagens vor dem Rosenmontagszug, das Erinnern an Verstorbene – all das hat seinen festen Platz. Dass jeder aktive Funk ein Korpskreuz trägt, zeigt, wie tief dieser Bezug verankert ist.
Für wie lange führen Sie dieses ehrenamtliche Engagement fort: für eine Session oder länger?
Oliver Kießig: Die Berufung zum Regimentspastor wird auf Dauer ausgesprochen. Es ist keine Aufgabe, die man für eine Session übernimmt, sondern ein langfristiger Dienst – im Grunde ein Amt „op Levvenszick“.
Abschließend: Was möchten Sie in Ihrer Funktion als Regimentspastor erreichen?
Oliver Kießig: Ich möchte den Menschen zeigen, dass der evangelische Glaube im Karneval seinen festen Platz hat. Es geht mir nicht darum, große theologische Programme zu verfolgen, sondern darum, zu begleiten, zuzuhören und Mut zu machen. Wenn die Jecken spüren: „Der protestantische Pastor gehört genauso zu uns wie alle anderen“, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Text: Oliver Kießig/ APK
Foto(s): Oliver Kießig
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